Archiv für Dezember 2008

Die Kunst der Erinnerung

Ausstellung von Bronzeplastiken des Holocaust-Überlebenden Samuel Willenberg vom 10. bis 25. Januar 2009 in der Galerie „Alte Feuerwache“ im Ritterplan, Göttingen

Mit einer feierlichen Vernissage wird am Freitag, 9. Januar 2009, um 20 Uhr in der Galerie Alte Feuerwache (Ritterplan, Göttingen) die Ausstellung „Die Kunst der Erinnerung“ mit Bronzeplastiken des Holocaust-Überlebenden Samuel Willenberg eröffnet. Anschließend ist die Ausstellung bis Sonntag, 25. Januar, täglich von 10-12 und 14-18 Uhr zu sehen.

Der 1923 in Polen geborene Bildhauer war während der NS-Zeit Häftling im nationalsozialistischen Vernichtungslager Treblinka. Als 19-Jähriger wurde er 1942 von den Nationalsozialisten deportiert. Der heute in Israel lebende Künstler gehört zu den wenigen Häftlingen, die das Todeslager überlebt haben.

Seine einzigartigen Skulpturen zeigen Menschen und Szenen aus Treblinka. Er sagt: „Meine Plastiken sind so etwas wie Skizzen. Im Laufe von drei Jahren schuf ich 15 Figuren aus Treblinka. Ich erzähle mit ihnen die Geschichte Treblinkas, auch wenn man das, was im Lager gewesen ist, nicht wirklichkeitsgetreu abbilden kann.“ Die Bronzeplastiken waren in mehreren Ausstellungen zu sehen, darunter im Palast des israelischen Präsidenten in Jerusalem und in der Nationalgalerie der Künste, Zacheta, in Warschau.
Eine Bronzeplastik von Samuel Willenberg

Treblinka bei Warschau war kein Konzentrations-, sondern ein Vernichtungslager: Fast alle Deportierten wurden unmittelbar nach ihrer Ankunft im Lager umgebracht. Zwischen Juli 1942 und August 1943 ermordeten deutsche SS-Männer über 700.000 jüdische Männer, Frauen und Kinder mit Motorabgasen. Die Jüdinnen und Juden wurden zu Hunderten in kleine Räume getrieben, in die anschließend das Kohlenmonoxid des Motors geleitet wurde. Nur ganz wenige der Deportierten wurden nicht sofort ermordet: Etwa 500 bis 1.000 jüdische Häftlinge mussten für die Deutschen im Lager arbeiten. Einer dieser Sklavenarbeiter war Samuel Willenberg. Zusammen mit seinen Leidensgenossen wagte Willenberg am 2. August 1943 einen Aufstand. Etwa 400 der Häftlinge konnten fliehen. Doch nur knapp 70 von ihnen erlebten das Ende des Krieges.

Nach Auschwitz-Birkenau war Treblinka der Ort, an dem die meisten jüdischen Menschen von deutschen Nationalsozialisten ermordet wurden. Das Lager gehörte neben Bełżec und Sobibór zu den Vernichtungslagern der „Aktion Reinhardt“. In den drei Mordstätten, im Osten Polens gelegen, fielen zwischen März 1942 und Oktober 1943 1,5 Millionen Juden der nationalsozialistischen Judenverfolgung zum Opfer.

Samuel Willenberg ist nach dem zweiten Weltkrieg nach Israel emigriert, wo er 40 Jahre im Entwicklungsministerium arbeitete. Nach seiner Pensionierung begann seine zweite Karriere: Er studierte Malerei, Bildhauerei und Kunstgeschichte. Heute lebt Samuel Willenberg mit seiner Frau Ada in Tel Aviv.

Im Rahmenprogramm der Ausstellung spricht die Historikerin Christiane Heß (Hamburg/Bielefeld) am Dienstag, 13. Januar 2009, über den „Holocaust im Bild: Künstlerische Auseinandersetzungen vor und nach 1945“. Der Vortrag in der Galerie Alte Feuerwache (Ritterplan, Göttingen) beginnt um 20 Uhr. Künstlerische Tätigkeiten gehörten in den Konzentrations- und Vernichtungslagern des nationalsozialistischen Deutschland zur Überlebensstrategie. Nach der Befreiung verarbeiteten viele Überlebende ihre Erfahrungen visuell. Andere KünstlerInnen setzen sich in ihren Arbeiten mit der Darstellbarkeit des Holocaust auseinander. Anhand ausgewählter Beispiele werden die Komplexität des Themas vorgestellt und Fragen nach dem Umgang mit diesen Werken gestellt. Christiane Heß ist freie Mitabeiterin der KZ-Gedenkstätte Neuengamme und Stipendiatin am Graduiertenkolleg „Archiv, Macht, Wissen“ der Universität Bielefeld. Sie arbeitet zu Häftlingszeichnungen aus den Lagern Neuengamme und Ravensbrück.